Weltethos Institut
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26.02.2016 10:33

Mit der Energiewende zur Wirtschaftswende?

Bereits das achte Mal lockte die Veranstaltungsreihe „Klüger Wirtschaften“ zahlreiche Zuschauer ins Weltethos-Institut. Dr. Franz Alt und Prof. Dr. Klaus Fichter boten dem Publikum im WEIT und im Kino Arsenal eine lebhafte Diskussion über Innovationen und „Exnovationen“ im Energiebereich und erörterten neue, nachhaltige Formen des Unternehmertums.


Als zwei „profilierte Public Intellectuals“ stellte WEIT-Direktor Prof. Dr. Claus Dierksmeier am 27. Januar die zwei Gäste der achten „Klüger Wirtschaften“-Veranstaltung unter der Überschrift „Mit der Energiewende zur Wirtschaftswende?“ vor. Diesen Titel haben sicherlich beide verdient: Der bekannte Journalist Dr. Franz Alt wurde für seine Arbeit als engagierter Umweltschützer und Solarpionier ausgezeichnet und befasst sich mit den Themen Energie- und Wirtschaftswende in zahlreichen Büchern. Prof. Dr. Klaus Fichter erforscht und lehrt konkrete Beispiele von Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Universität Oldenburg. Neben den beiden Gästen wirkten Prof. Dr. Claus Dierksmeier und WEIT-Geschäftsführer Dr. Bernd Villhauer bei der interessanten Diskussion im Kritischen Quartett mit. Eine Einführung in das Thema gab Prof. Dr. Klaus Fichter mit einer kritischen Würdigung von Dr. Franz Alts Arbeit. Dabei orientierte er sich an zwei seiner Werke: „Auf der Sonnenseite“ und „Gute Geschäfte“. 

Gleichzeitig Neues schaffen und Altes abschaffen

Das Argument des Buches „Auf der Sonnenseite“ sei laut Prof. Dr. Klaus Fichter, dass man erneuerbare Energien einführen und Technologien und Innovationen in die Welt bringen müsse. Dem stimmt Fichter generell zu, doch er fügte kritisch hinzu: „Es reicht nicht nur für das Neue zu sein, die Erneuerbaren zu verbreiten, zu pushen, sondern wir müssen uns auch damit beschäftigen, wie wir das Alte, nicht Nachhaltige – Kohle und fossile Energieträger – aus der Welt heraus bekommen.“ Für letzteres führte Fichter aus dem Fachjargon der Innovationsforschung den Begriff „Exnovation“ in die Diskussion ein. Solange fossile Energieträger noch genutzt werden, werden die Errungenschaften der erneuerbaren Energien immer wieder kaputt gemacht, so Fichter. 

Auch Dr. Franz Alt kritisierte in seinem Vortrag, dass alte Energiequellen weiterhin genutzt werden. Nie habe sich eine Generation selbst ausgelöscht, aber Menschen bauten Atomkraftwerke und verbrennten sich durch das Nutzen von Energieträgern wie Öl und Gas, so Alt. Und das obwohl Energie nichts kostet: Die Sonne schicke keine Rechnung, um die Sonne könne aufgrund des unüberwindbaren Sicherheitsabstands niemand Krieg führen und auch die Technik der Solarenergie werde so vorangetrieben, dass sie immer günstiger wird. Trotzdem werde sie weiterhin vernachlässigt. Für das, was die Menschen heute ökonomisch auf der Erde treiben, sei für sie statt Homo sapiens der realistischere Titel „Homo Dummkopf“.

Auf diese Ausführung von Dr. Franz Alt hin fragte Dr. Christopher Gohl in der anschließenden Diskussion des Kritischen Quartetts, ob nicht ausschließlich der Homo sapiens die Fähigkeit zur ethischen Einsicht habe. Alt zufolge brauche der Mensch für die Einsicht zwei Lernhelfer: den Geldbeutel und Katastrophen. Wenn es billiger werde, werden die Menschen erneuerbare Energien nutzen. Mit Katastrophen gäbe es einen Weckruf. Beides werde bald kommen, sagte Alt. Im Punkt Geldbeutel stimmte Dr. Bernd Villhauer dem Journalisten zu, doch für das Lernen durch Katastrophen setzte der WEIT-Geschäftsführer ethische Grundlagen voraus. In diesem Zusammenhang führte er das Beispiel der Nuklearkatastrophe in Fukushima an, die in Deutschland – einem nicht direkt betroffenen Land – viel mehr Veränderungen nach sich zog als in Japan. Fichter führte noch einen dritten Lernhelfer mit ein: die Sinnkrise. Er begegne viele Studenten, die ein tiefes Bedürfnis hätten, etwas Sinnvolles zu machen. Und darin sieht Fichter einen Schritt in die richtige Richtung – das nachhaltige Unternehmertum.

Nachhaltiges Wirtschaften braucht Motivation

Bei der kritischen Würdigung des zweiten Werks von Alt „Gute Geschäfte“ führte Prof. Dr. Klaus Fichter die im Buch erläuterte Differenzierung zwischen Profit orientiertem und sozialem Unternehmertum ein, wobei nur letzteres für die Energie- und Wirtschaftswende gebraucht werde. Fichter fügte einen „dritten Weg“ hinzu: das nachhaltige Unternehmertum. Es müsse möglich sein, eine Balance zwischen den Faktoren Ökonomie, Ökologie und Sozialem herzustellen. Als Lösung brachte Dr. Alt ein Grundeinkommen ins Spiel. Durch finanzielle Absicherung könnten Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz frei wählen und das würde laut Alt vielleicht zu einem nachhaltigeren Wirtschaften führen. Auch Prof. Dr. Dierksmeier stimmte zu, dass neue Arten des Unternehmertums eingeführt werden müssen. Die Wirtschaft müsse durch soziales und nachhaltiges Unternehmertum die ökologischen Probleme als Geschäftsmodelle entdecken und herausfinden, wie im Heilen des Kaputten Profit gemacht werden könnte. 

Nach der Diskussion im kleinen Rahmen des Kritischen Quartetts wurden im Plenum Fragen nach effizienter Energienutzung und neuen Maßstäben in der Wirtschaft erörtert. Stifter Karl Schlecht stellte besonders Investitionen in Photovoltaikanlagen, die ihm zufolge teuer und ethisch nicht verantwortbar seien, in Frage. Alt wollte auf die von Schlecht konkret genannten Investitionsbeispiele nicht eingehen, verwies aber auf die gesellschaftlichen Kosten der Nicht-Investition.

Zum Abschluss gaben alle Redner den Zuhörern Empfehlungen mit auf den Weg, wie jeder Einzelne zu einer besseren Wirtschaft im Bereich Energie beitragen könne. Prof. Dr. Klaus Fichter legte dem Publikum nahe, Crowdinvesting-Plattformen aufzusuchen und auch mit nur wenig Geld in nachhaltige Unternehmen zu investieren. Dr. Franz Alt zufolge könne jeder Einzelne mit der Produktion von eigener Energie, der Organisation von neuer Mobilität und der Umstellung seiner Ernährung einen Beitrag leisten. Dr. Bernd Villhauer empfahl, eine Reise zu planen und von den Problemen und dem Umgang mit der Energiewende anderer Ländern zu lernen. Prof. Dr. Claus Dierksmeier setzte auf Sichtbarkeit: Man müsse nachhaltige unternehmerische Chancen sichtbar machen. Dafür sei vor allen Dingen eine akademische Wende nötig. Der aktuellen Generation der Wirtschaftsstudierenden müsse moralisch, sozial und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften vermittelt werden und keine veralteten Modelle, die in der Wirtschaft von morgen keine Gültigkeit mehr haben. In diesem Sinne wird das Weltethos-Institut auch in Zukunft zur „Klüger Wirtschaften“-Reihe einladen und aktuelle Themen mit Gästen und Publikum diskutieren.