Weltethos Institut
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04.12.2017 15:33

Interviewpartner Gohl zu Antisemitismus und der Identitären Bewegung

Warum und wie ist völkisches Denken wieder auf dem Vormarsch? Gibt es neue Formen des Antisemitismus? Braucht Deutschland eine Leitkultur?


Um diese Fragen ging es in zwei Interviews, die Dr. Christopher Gohl Anfang Dezember dem SWR und dem Youtuber Sally gab.

Nicht erst der Protest gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat in Deutschland die Frage aufgeworfen, ob es einen spezifisch muslimischen Antisemitismus gibt. Im Interview mit dem SWR erläuterte Politikwissenschaftler Christopher Gohl den Antisemitismus zunächst als Form der Menschenfeindlichkeit gegenüber Juden. Für Juden in Deutschland sei Antisemitismus eine Alltagserfahrung, aber für Nichtjuden bleibe der Antisemitismus weitgehend unsichtbar. Er erinnerte daran, dass in Deutschland und Europa bewaffnete Polizisten vor Kindergärten, Schulen und religiösen Zentren jüdischen Lebens stünden. Seit 1947 werde im Durschnitt pro Woche ein jüdischer Friedhof in Deutschland geschändet. Man könne davon ausgehen, dass es täglich vier bis fünf antisemitisch motivierte Delikte gibt, die offiziell erfasst würden - mit weit höherer Dunkelziffer. Dazu kämen bis in die Mitte weit verbreitete negative und pauschale Vorurteile gegenüber Juden. Nach wie vor gingen in Deutschland der Großteil der antisemitischen Straf- und Gewalttaten von rechtsextremen Kräften aus - mit nationalistischen, rassistischen und politischen Absichten. Aber auch die antisemitischen Straf- und Gewalttaten im Rahmen von Protesten gegen Israel nähmen zu. Über verlässliche Zahlen von Straf- und Gewalttaten stritten sich Staat, NGOs und Wissenschaft aber.

Antisemitismus sei aber im Kern, so Gohl, nicht "deutsch", "muslimisch" oder "arabisch", sondern eine säkulare und politisierte Form der Judenfeindschaft, die nach Geburt im 19. Jahrhundert aus dem Schoße des Antijudaismus und nach Karriere in Europa im 20. Jahrhundert jetzt auch in arabischen Gesellschaften populär geworden sei. Globalität bringe es mit sich, dass diese Ausprägungen des Antisemitismus jetzt auch in den Straßen und Schulen Europas sichtbar würden. Der Unterschied zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus sei, dass Kritik mit individuellen und konkreten Beispielen differenziert geäußert werde, während Antisemitismus mit kollektiven und pauschalen Stereotypen diffamiere. Das Interview ist hier nachzuhören.

Der Youtuber Sally, ein Student aus Tübingen, hat über 15.000 Abonnenten, bei denen er mit zwei Sendungen pro Woche Diskussionen auslöst. Er sieht sich als kritischen Kommentator, der verschiedene Formen des Kollektivismus aufs Korn nimmt – so beispielsweise die sog. Social Justice Warriors, extreme Islamist/innen oder völkische Gruppen wie die Identitäre Bewegung. Einig sind sich diese Gruppen in der Kritik an Globalisierung und der von ihnen sogenannten Ideologie des Kosmopolitismus. In einem insgesamt einstündigen Gespräch mit Sally, verteilt auf zwei Sendungen, nutzte Christopher Gohl die Chance, einige Vorurteile klar zu stellen.

Kosmopolitismus sei, so Gohl keine Ideologie von Business Class-Fliegern, sondern die empirische Einsicht, dass uns als Menschen eint, verschieden zu sein – und der normative Auftrag, die kulturelle Vielfalt der menschlichen Familie in friedlichem Miteinander zu gewährleisten. Das Weltethos-Projekt zeige diesen kosmopolitischen Konsens auf: „Den Fremden als Menschen zu behandeln, ist ein Anliegen aller großer Weltreligionen.“

Neben den Konventionen einer toleranten, offenen Gesellschaft bedürfe es aber auch der Institutionen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. „Wie schwierig ihr Aufbau ist, haben wir in Deutschland leidvoll erfahren“, so Gohl. „Seit den Bauernkriegen der Reformationszeit haben wir nach einer gesellschaftlichen Ordnung gesucht, die Vielfalt friedlich organisiert.“ Erst seit 1989 gelte mit dem Grundgesetz überall in Deutschland Vielfalt in Frieden. „Das Grundgesetz ist ja gerade kein Dokument völkischer Einfalt, sondern das Fundament friedlicher Vielfalt.“ An die Identitäre Bewegung gerichtet, sagte Gohl, wer die mit Leid und Tod bezahlten Errungenschaften etwa der Würde des Menschen oder der Religionsfreiheit in Frage stelle oder nur einer angeblich ethnisch homogenen Gruppe vorbehalten wolle, sei in Wahrheit unpatriotisch und verrate die deutsche Geschichte. – Das Interview löste bislang knapp 350 Kommentare und zum Teil heftige Diskussionen aus.

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